High Performance

Wer Tacheles redet, bekommt die besten Ergebnisse

Lesezeit: 5 Minuten von Sevgi Ates am 03.09.2020

Immer wieder ist zu lesen, dass Führungskräfte besonders empathisch sein sollten. Natürlich neben vielen anderen exorbitanten Eigenschaften, über die sie in der Theorie und am liebsten auch in der Praxis verfügen sollten. Allerdings: Wenn wir ehrlich reflektieren und selbst schon mal als “führende Kraft” aktiv waren, sind einige dieser Must-haves einer perfekten Führungskraft unbrauchbar oder zumindest auf Dauer in ihrer Konsequenz unpraktikabel. Andere dagegen haben sich bereits in der Praxis bewährt, auch wenn sie nicht unbedingt zu den beliebtesten zählen. 

Chefs sind auch “nur” Menschen 

Führungskräfte, sowie Unternehmerinnen und Unternehmer sind auch Menschen. Mit allem, was dazu gehört. Surprise, surprise! Das findet bei diesen ganzen Theorien und Textthesen viel zu selten Beachtung. Und auch deren Angestellte vergessen das hin und wieder. Daher ist es aus meiner Sicht wichtig, sich als erste nützliche Soforthilfemaßnahme für jede Führungskraft, sich von all’ diesen Forderungen zu befreien und uns wieder auf unsere eigentliche Kernaufgabe zu konzentrieren: Auf gute Ergebnisse und wirtschaftlichen Erfolg.  

Diese erreichen wir natürlich nicht, wenn Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bockig, beleidigt, genervt oder unmotiviert sind – das versteht sich von selbst. Ich will hier auch gar keinen Anti-Empathie-Artikel schreiben, aber mit einem falschen Verständnis von Empathie aufräumen. Eine gesunde Leistungskultur bedeutet nicht, alle Gefühle und emotionalen Umständen zu ignorieren, sondern eine gute, gesunde und vor allen Dingen gemeinsame Basis des sozialen und interaktiven Umgangs miteinander zu finden. Denn eins ist auch offensichtlich: Zwischen den Unternehmensergebnissen, den dafür verantwortlichen Führungskräften und allen, die im Unternehmen arbeiten besteht sowohl ein Miteinander als auch eine Abhängigkeit voneinander. Mit dem Status dieses Zusammenspiels steht und fällt der wirtschaftlich unternehmerische Erfolg, die Zufriedenheit aller Beteiligten und die dauerhafte Innovations- und Kreativkompetenz von Organisationen, die wir brauchen, um in den nächsten Jahren überhaupt zukunftsfähig zu sein. 

Aus diesem natürlichen Kontext ergibt sich, dass es in führenden Positionen mit “Human Capital” durchaus als relevanter Faktor zu verstehen ist, welche Gefühle mein Gegenüber aktuell beschäftigen. Allein schon, um meine Mitarbeiterin oder meinen Mitarbeiter als ganzen Menschen zu begreifen, statt als reinen Erfüllungsgehilfen. Auch diesem alten Irrglauben muss man heute noch immer etwas entgegensetzen, aber das muss in einem anderen Artikel passieren. 

Wir müssen die Menschen ernst nehmen 

Was mit der Empathie-Forderung allerdings meistens einhergeht, ist aus meiner Sicht eine veraltete und nicht mehr zeitgemäße Vorstellung, dass wir als Führungskräfte auf alles Mögliche Rücksicht nehmen und unsere Leute mit Samtpfötchen anfassen sollten, um damit eine Suggestion der emotionalen Nähe und Zugewandtheit zu suggerieren. Ich bin vom Gegenteil überzeugt: Wir brauchen dringender denn je, Führungskräfte, die Fachkräfte und Mitarbeitende ernst nehmen. Die sich innerhalb ihrer Rolle und Aufgabe als Mensch zeigen und einen echten, inhaltlichen und zwischenmenschlichen Austausch und Dialog kultivieren. Wir Menschen wollen Klarheit und das mit uns Tacheles geredet wird. Schön formuliertes um den heißen Brei Gerede lässt klare Aussagen verschwimmen lässt. Wachstum ist so nicht möglich und auch keine tragfähige Beziehung. 

Kommunikation ist das stärkste, wenn nicht das einzige Mittel, andere zu motivieren 

Nur wer klar und offen mit seinem Team kommuniziert, hat eine Chance, die für den Erfolg notwendige Energie und Handlungsdynamik freizusetzen. Kommunikation ist nach wie vor das stärkste, wenn nicht sogar das einzig wirklich funktionierende Mittel, dass Führungskräften zur Motivation ihres Teams zur Verfügung steht. Wie heißt es schon im Evangelium nach Johannes Kap. 1; 1. …Im Anfang war das Wort… Alles ist durch das Wort geworden und ohne das Wort wurde nichts, was geworden ist. Ergo, dürfen wir uns unserer Sprache und Ansprache bewusst sein und sollten die Macht des gesprochenen Wortes, immer gezielt und besonders einsetzen. 

Wir dürfen wieder lernen, eine einfache Sprache zu benutzen, uns nicht hinter akademischen Wortungetümen oder neudeutschem Denglisch zu verstecken. Ganz zu schweigen von Bullshit-Bingo würdigem Business- und Management-Blabla. Wo gehobelt wird, fallen Späne: Begegnen wir den Menschen um uns mit einer authentischen Direktheit und zugewandten Emotionen, können wir unseren eigenen Unmut auch ruhig im Außen erkennbar zeigen und gerne auch durch “Tacheles reden” konkretisieren. Dabei gilt es allerdings drei Gebote zu beachten, um in der biblischen Sprache zu bleiben: 

  1. Loben kann, falsch praktiziert, richtig kontraproduktiv sein. Das gilt übrigens nicht nur fürs Team, sondern auch bei Kindern: Wenn Du ständig ins Blaue hinein lobst, ohne substantiellen Inhalt, nimmt Dich irgendwann niemand mehr ernst. Jedes Lob muss immer konkret adressiert und mit einem Ergebnis verbunden sein. 
  2. Genauso verhält es sich bei Kritik: Fehlverhalten emotional abzustrafen hat nichts mit Führung zu tun. Wenn Du Feedback gibst, benenne immer genau, was für Dich nicht funktioniert hat und sag, was Du Dir anders wünschst. Im Idealfall hast Du Dir sogar die Mühe gemacht, selbst eigene Ideen zu entwickeln, mit denen Du lösungsorientiert das Gespräch verdichten kannst.   
  3. Egal ob Lob oder Kritik: Es gilt den Respekt zur Person konsequent von der sachlichen Beurteilung einer Aufgabe oder der Sache zu trennen. Wenn es sich irgendwie vermeiden lässt, greife Dein Gegenüber nicht persönlich an und bleibe am besten immer bei der Bewertung von Arbeitsergebnissen oder Arbeitsweisen. Ich weiß selbst aus eigener Erfahrung, es ist nicht immer einfach, allerdings ist die mittlerweile sehr bekannte und in der Wirtschaft etablierte Haltung aus der Transaktionsanalyse nach dem US-amerikanischen Psychologen Eric Berne “Ich bin OK – Du bist OK” der sicherste Garant für einen professionellen Umgang miteinander. 

Nun kommt noch das Salz in der Suppe dazu, was das Tacheles zu reden überhaupt erst zu einem machtvollen Tool machen. Ich verrate Dir also mein Geheimrezept, das bisher bei allen Führungskräften und Unternehmen funktioniert hat, mit denen ich bis dato zusammengearbeitet habe. Und ich darf verraten, dass sie alle bis heute noch mit mir reden, auch wenn ich selbst die heißeste Verfechterin und Praktikerin der Tachelesmanie bin. Das Rezept besteht aus klaren Sätzen, die dem entsprechen, was Du wirklich denkst und meinst, also kurzum:  

„Du sagst, was Du denkst! Setz keinen Filter mehr zwischen ehrlichem Statement und gesprochener Aussage. Der einzig verdichtende Faktor ist die Eigenreflektion und Überprüfung Deiner Wortwahl, die weitestgehend so formuliert sein sollten, dass sie die Gebote ein bis drei berücksichtigen.“

Deine persönlichen Emotionen dürfen durchaus erkennbar und wahrnehmbar sein. Nach dem Kommunikationsmodell von Friedemann Schulz von Thun ist die Selbstoffenbarung immer ein wichtiger Bestandteil unserer Wahrnehmung. Im Endeffekt sagen wir mit allem, was wir von uns geben, vor allem etwas über uns selbst aus. Und das ist auch in Ordnung. Warum darf das Gegenüber denn nicht mitkriegen, dass wir gerade nicht einverstanden oder sogar verärgert sind über die Sache, das Ergebnis oder über den Fehler? Wir sollten es lieber klar benennen. Verstecken können wir es eh nicht. Wir sollten nur auch hier sachlich bleiben, zum Beispiel:  “Ich bin mit der Arbeit nicht zufrieden und wünsche mir beim nächsten Mal ein anderes Vorgehen…”  

Menschen schätzen Klarheit, auch wenn Sie in dem Moment vielleicht weh tut.  

Klarheit ist ein Ausdruck von Liebe. Auch wenn diese “exekutive Liebe”, wie wir sie bei ATES nennen, manchmal wehtut, sie ist ein Ausdruck von Wertschätzung. Ist mir mein Gegenüber egal, ist mir auch egal, ob er wachsen kann. So eine “Tough Love” kann vom Empfänger manchmal erst später als wertvoll angesehen werden. Wichtig ist, dass die Selbstoffenbarung deinerseits weder einen massiven Appell oder Imperativ beinhaltet, noch dürfen die Aussagen und der Tonfall, die bis dahin hoffentlich noch intakte und gesunde Beziehungsebene gefährden. Ich erinnere noch einmal an Gebot drei! 

Wer sich wirklich konsequent an die drei Gebote hält, kann auf einmal Dinge kommunizieren, die vorher unmöglich schienen. Manchmal erschrecke ich heute noch, was mein gesamtes Team und meine Kundinnen und Kunden alles annehmen können – und das ohne mit der Wimper zu zucken. Wir müssen ihnen dann allerdings ebenfalls zugestehen, Tacheles zu reden, solange sie bei der Sache bleiben. Und glaube mir, Empathie können wir da nicht erwarten, aber dafür Liebe, auch wenn sie tough daherkommt.  

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Sevgi Ates

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